Interview mit Andrea Thiemann zur Gedenkveranstaltung
am 09. November über einen Brief von Martin Buber
HR-Moderator Stephan Willert:
“Sie hören das Südhessen-Journal aus dem HR-Studio in Darmstadt. Überall in Deutschland werden zur Zeit Gedenkveranstaltungen vorbereitet, die erinnern sollen an den 09. November 1938, an die Zerstörung der Synagogen in Deutschland, an die Pogromnacht und an die Verfolgung der Juden in der Nazizeit.
Zu Gast im Studio jetzt bei uns Andrea Thiemann vom Martin-Buber-Haus in Heppenheim. Sie bereiten eine Gedenkveranstaltung an der Bergstraße vor und bei dieser Gedenkveranstaltung spielt ein Brief eine große Rolle, ein Brief des Religionsphilosophen Martin Buber, ein Brief ans Finanzamt in Heppenheim. Welche Rolle spielt dieser Brief?“
Andrea Thiemann:
“Martin Buber war Besitzer eines Hauses in Heppenheim, also dem heutigen Martin-Buber-Haus an der Werléstraße. Und er hat Heppenheim verlassen im März 1938 für eine Reise nach Jerusalem, um an der Hebräischen Universität Vorträge zu halten. Aber im Vorfeld ist mit den Behörden abgestimmt worden, dass er zum Arbeiten zurückkommt nach Heppenheim in sein Haus, so dass das Haus vollständig eingerichtet blieb und auch eine umfangreiche Bibliothek mit 3000 bis 4000 Büchern vorhanden geblieben ist. In den Ereignissen in der Nacht vom 9. auf den 10. November ist das gesamte Mobiliar von Martin Buber im Haus zerstört worden und die Bücher sind geplündert worden. Daraufhin sind die Behörden tätig geworden. Martin Buber ist nicht zurückgekehrt. Er war im Sommer auf dem Rückweg und hat dann durch Verzögerungen noch bis im September in der Schweiz gelebt und hat dort von der drohenden Kriegsgefahr gehört und hat auch erfahren, dass sein Wohnsitz in Heppenheim zerstört wurde.“
HR-Moderator Stephan Willert:
“Das hat ihm möglicherweise noch das Leben gerettet, dass er nicht zurückgekommen ist!“
Andrea Thiemann:
“Unter Umständen, ja. Und da er jetzt Reichsfluchtsteuer bezahlen sollte und Judenvermögensabgabe in Bescheiden vom 13. Dezember 1938 hat Buber Stellung bezogen, dass er nicht freiwillig Deutschland verlassen hat, sondern geplant hat, wieder zu kommen, aber er davon ausgehen musste, einen Wohnsitz in Heppenheim nicht mehr zu haben. So und Wer weg war, egal ob freiwillig oder nicht, musste Reichsfluchtsteuer bezahlen, also 25% des Gesamtvermögens. Und dort ist Martin Buber mit 60.000 Reichsmark veranschlagt worden, was er auch reklamiert, das war mindestens um 4000 Reichsmark zu hoch. Dann 25%, also 15.000 Reichsmark sollte er an Reichsfluchtsteuer bezahlen und ebenfalls wurde die Judenvermögensabgabe mit 20% fällig, also noch einmal 12.000 Reichsmark, die ihm in Rechnung gestellt wurden. Und in diesem Brief, den wir jetzt im Staatsarchiv gefunden haben, erklärt Buber ausführlich, warum er gegangen ist, warum er nicht wiedergekommen ist und dass er auf jeden Fall nicht freiwillig Deutschland verlassen hat und sich außer Stande sieht, diese Steuern zu bezahlen.“
HR-Moderator Stephan Willert:
“Also die Behörden haben damals alles in ihren Kräften stehende getan, um die jüdischen Bürger mit auszuplündern, kann man sagen. Ist denn von dem, was geplündert wurde aus dem Haus von Martin Buber, ist denn da wieder etwas aufgetaucht, aus dieser Bibliothek zum Beispiel?“
Andrea Thiemann:
“Also das Einzige, was nach vielen Jahren wieder aufgetaucht ist, und zwar Ende der 80iger Jahre als schon der Internationale Rat der Christen und Juden seinen Hauptsitz im Martin-Buber-Haus bezogen hatte, ist eine komplette Goethe-Ausgabe, die eine Teilnehmerin, eine ältere Dame inzwischen, während einer Veranstaltung im Haus auspackt hat. Sie sagte, sie habe als junges Mädchen bei den Plünderungen bzw. bei den Aufräumarbeiten am 10. November mithelfen müssen und hat diese Gesamtausgabe von Goethe mitgenommen und auf dem Dachboden versteckt. Ihre Mutter wünschte sich seit langer Zeit eine und da hat das Mädchen sie zu Weihnachten heruntergeholt. Die Familie hat große Angst bekommen, und so ist die Goethe-Ausgabe wieder für lange Zeit auf den Dachboden gewandert. Dort war diese Goethe-Ausgabe eben so lange versteckt gewesen bis diese Frau sie an den Ort des Geschehens zurückgebracht hat. Damals wurde der Sohn von Martin Buber, Rafael, in Israel angeschrieben und man hat angefragt, wie mit dieser Goethe-Ausgabe verfahren werden soll. Rafael hat sich sehr gefreut und sich bedankt und gesagt, sie möge dort aufbewahrt werden wohin sie gehöre. Diese Goethe-Ausgabe haben wir immer noch im Martin-Buber-Haus in Heppenheim.“
HR-Moderator Stephan Willert:
“Noch mehr solcher Details kann man erfahren auf ihrer Veranstaltung am 09. November in Heppenheim. Sagen Sie noch einmal die Uhrzeit und wo es stattfinden wird.“
Andrea Thiemann:
“Da das Martin-Buber-Haus derzeit renoviert wird, findet die Veranstaltung im Sitzungssaal des Landratsamts in Heppenheim an der Gräffstraße Ecke Wilhelmstraße um 19.45 Uhr statt.“
HR-Moderator Stephan Willert:
“Das war Andrea Thiemann zur Gedenkveranstaltung in Heppenheim.“