Vortrag von Prof. Jewett für das Martin-Buber-Haus
Von Andrea Thiemann
Im Rahmen der aktuellen Veranstaltungsreihe des Martin-Buber-Hauses, “Präventive Selbstverteidigung oder völkerrechtswidrige Intervention - Internationale Friedenspolitik am Beispiel des Irak“,stellte der amerikanische Gastprofessor der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg, Dr. Robert Jewett, am vergangenen Mittwoch seine Thesen zur amerikanischen Invasion im Irak vor. Der Vortrag mit dem Titel “Kreuzzugsmentalität in Religion und Politik“ wurde aufgrund andauernder Renovierungsarbeiten am Martin-Buber-Haus im Neuen Sitzungssaal des Landratsamtes des Kreises Bergstraße in Heppenheim gehalten.
Angesichts der gegenwärtigen politischen Situation analysierte Jewett die scheinbare Unvernunft amerikanischer Regierungsentscheidungen und ihre Rechtfertigung durch religiöse Terminologie. Nicht wirtschaftliches Interesse oder hegemoniales Machtstreben seien der primäre Antrieb der USA zum Einmarsch im Irak gewesen, sondern die nationale amerikanische Ideologie eines messianischen Eifers um Welterlösung. Die Versprechungen des Präsidenten Bush, “das Böse von der Welt auszumerzen“, ließen sich auf eine lange amerikanische Tradition messianischen Bewusstseins, die gesamte Welt zu befreien, bis auf die erste Siedlergeneration im Nord-Osten Amerikas zurückverfolgen, so Jewett. Ihre dualistische Weltsicht von Gut und Böse, der Glaube, Gewalt könne Gottes Reich verbreiten, übernahmen sie aus den biblischen Büchern Daniel und Offenbarung des Johannes. Heutzutage gelangten die meisten Amerikaner nicht durch religiöse Erziehung zu diesem messianischen Bewusstsein, sondern vor allem durch die Unterhaltungskultur. Jewett ist der Ansicht, Amerikaner entwickelten bereits seit der Kolonialzeit ein Faible für Vollstrecker von Selbstjustiz, für Heroen, die außerhalb des Gesetzes das Gesetz erfüllten. Im modernen Mythos vom Superhelden, wie er weltweit in der populären amerikanischen Medienkultur kultiviert wird, tritt ein unbekannter selbstloser Held auf, wie z.B. Batman, Superman, Captain America oder Spiderman, um eine Gemeinschaft, die vom Bösen angegriffen wird, dem sie allein nicht widerstehen kann, zu befreien und die ursprünglich paradiesischen Zustände wieder herzustellen. Jewett meint, Präsident Bushs Vorliebe für diesen Mythos der Errettung durch Superhelden werde von Abermillionen von US-Bürgern geteilt. “Die amerikanische Mehrheit mit ihren führenden Denkern und Politikern aus beiden Parteien sehen die Welt im Moment aus der Perspektive von Comic-Helden und -lesern.“ Jewett plädiert dafür, die andere, ebenfalls in biblischer Tradition, bei Jesaja, Jesus und Paulus, wurzelnde demokratische Seite amerikanischer Kultur wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen. Gemäß der amerikanischen Verfassung stehen alle Staatsbürger mit gleichen Rechten und Pflichten vor dem Gesetz, ohne Ausnahme. Wie jeder Mensch die gleiche Würde hat, so trägt er auch gute und böse Seiten in sich. Daher sollten Institutionen des internationalen Rechts, die auf Konfliktvermeidung, Konfliktlösung und Koexistenz gerichtet seien, wachsende Autorität erhalten. Internationales Völkerrecht könne sich aber nicht durchsetzen, solange einige Nationen und Gruppen sich als super betrachteten und versuchten, ihre eigenen Ideen mit Gewalt in der Welt durchzusetzen.
Die nächste Veranstaltung in dieser Reihe ist am Freitag, den 24. Oktober, in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsgilde e.V. um 19.30 Uhr in der Volkshochschule, Luisenstrasse 1, in Weinheim. Zu Gast ist Generalmajor a.D. Manfred Eisele, ehemaliger Oberbefehlshaber der UN-Truppen im Nahen Osten und nach wie vor enger Vertrauter des UNO Generalsekretärs Kofi Annan. Eisele spricht somit aus eigener Erfahrung zum Thema “Krieg und Frieden. Die Rolle der UN im Nahen Osten“.