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Martin-Buber-Haus - Rundbrief 2/2002

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freundinnen und Freunde des Martin-Buber-Hauses und des Internationalen Rates der Christen und Juden!



Wir möchten Ihnen heute das Programm des Martin-Buber-Hauses für die zweite Jahreshälfte 2002 vorstellen.


Im Mittelpunkt jedes Vortrages wird eine bedeutende deutsche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens stehen, von der aber weitgehend nicht bekannt ist, dass diese Person jüdischen Glaubens war.
Vortragsreihe
"Deutsche Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und der Einfluss ihrer jüdischen Identität auf Leben und Werk."

Schriftsteller - Musiker - Philosoph - Politiker

Neben einer allgemeinen biographischen Würdigung des Lebens und Arbeitens dieser Menschen wird besonderes Augenmerk auf den äußeren und inneren Einfluss ihres jüdischen Glaubens bzw. ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk gelegt. Mit dieser konkreten Herangehensweise bewegen wir uns im Zentrum der Fragestellung von Assimilation und sogenannter "deutsch-jüdischer Symbiose". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur nationalsozialistischen Herrschaft hat es im deutschsprachigen Raum eine kulturell und wissenschaftlich außerordentlich fruchtbare Zeit gegeben, deren Träger überdurchschnittlich viele assimilierte Juden waren. Viele dieser Menschen wie Heinrich Heine, Max Liebermann, Sigmund Freud, Erich Fromm, Felix Nussbaum, Franz Kafka, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Theodor W. Adorno, Else Lasker-Schüler, Walter Benjamin, Albert Einstein, Gustav Landauer, Herbert Marcuse, Erich Mühsam, Franz Werfel, Stefan Zweig und viele andere mehr sind uns als "Kulturträger" im Bewusstsein. Aber ist uns gleichzeitig präsent, dass Sie, zumindest ihrer Abstammung nach, Juden waren? Nicht selten wurden sie selbst erst durch negative Sanktionen ihrer Umwelt wieder an ihre jüdische Abstammung erinnert. Manchmal schimmert ihre jüdische Erziehung erst in fortgeschrittenem Alter in ihrem Bewusstsein und in ihren Werken wieder auf.
Am Beispiel des Schriftstellers Arthur Schnitzler, des Musikers Arnold Schönberg, des Philosophen Ernst Bloch und des Politikers Walther Rathenau soll dieses komplexe Zusammenspiel von deutscher und jüdischer Identität untersucht werden.


Schriftsteller

"Arthur Schnitzlers Figuren leben in einer Gesellschaft, der es an einem sicheren Fundament und an einer inneren Substanz fehlt. Leichtfertig agieren sie an der Oberfläche ihres Lebens und verkennen die Gefahr, dass ihnen ihre Welt zu zerfallen droht. So sind sie, ob sie nun jüdische oder nicht-jüdische Gestalten sind, gleichermaßen in ihrer Welt Verbannte in der Diaspora. Der Blick hinter die Maske, der Versuch, die Traumwelt, die Sein und Schein untrennbar ineinander übergehen lässt, als Illusion zu entlarven, bildet das zentrale Thema von Schnitzlers Werk."
Der Referent Dr. Daniel Hoffmann ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er war mehrere Jahre an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg tätig und arbeitet derzeit an dem vom nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium geförderten Forschungsprojekt "Jüdisches Schreiben und die Formkräfte der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert".


Musiker

"Arnold Schönberg befand sich 1933 auf dem Weg ins Exil als er unter Bezeugung Marc Chagalls der jüdischen Glaubensgemeinschaft wieder beitrat. Die Oper "Moses und Aron" sowie ihre geistigen und werkgeschichtlichen Vorläufer stehen unmittelbar im Zeitkontext des Antisemitismus, den Schönberg am eigenen Leib zu spüren bekam. In seinen "religiösen" Spätwerken, die in Amerika entstanden, wie "Survivor from Warsaw", das "Kol Nidre" und die Werke op. 50a-c sind die Dimensionen des "Jüdischen" deutlich erkennbar."
Der Referent Dr. Marc Kerling ist Theologe und Musikwissenschaftler an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn. Er publizierte über Schönbergs "religiöse" Werke und war mehrere Jahre in Forschungsgebieten des jüdisch-christlichen Dialogs tätig. Seinen Vortrag wird er mit Musikbeispielen untermalen.


Philosoph

"Ernst Bloch hat die Einschätzung, er wäre ein jüdischer Philosoph immer vehement abgelehnt und bezeichnete sich als europäischen Philosophen deutscher Sprache. Der Vortrag will versuchen, mittels Darstellung seines Verhältnisses zur Sprache der Frage nach dem Jüdischen in Blochscher Philosophie näher zu kommen, dies aber gestützt allein auf Blochs Auffassung von dem, was jüdisch sei. Mit Bloch soll ausdrücklich vor jedem noch so gut gemeinten Ansinnen gewarnt werden, von jüdischer Philosophie zu sprechen, nur weil ein Philosoph jüdischer Herkunft war."
Die Referentin Dr. Francesca Vidal ist Rhetorikerin an der Universität Landau, Vizepräsidentin der Ernst-Bloch-Gesellschaft und Herausgeberin des Ernst-Bloch-Jahrbuches. Sie publizierte zahlreiche Arbeiten zur Philosophie von Ernst Bloch, zur Rhetorik in Institutionen und zur Analyse politischer Rede.


Politiker

"Walther Rathenau war der erfolgreichste Typ des emanzipierten jüdischen Intellektuellen, der eine ebenso unglückliche wie leidenschaftliche Liebe zu Deutschland hatte. Profund gebildet, klug, mit den Neigungen eines Künstlers - er wollte Maler werden -, als Wirtschaftsführer und Finanzexperte anerkannt, liebäugelte er mit sozialen Problemen und philosophierte gerne über "kommende Dinge". Als er vor der Wahl stand, Jude zu bleiben oder preußischer Offizier zu werden, ging er den Schritt zur Taufe nicht. 1922 wurde er als Reichsaußenminister von nationalistischen Kräften ermordet, die in ihm als deutsch-nationalem Juden einen Verräter sahen.
Der Referent Priv.-Doz. Dr. phil. Martin Sabrow ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Walther Rathenau Gesellschaft e.V. Frankfurt am Main und Projektbereichsleiter am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. Derzeit ist er Lehrstuhlvertreter für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.


Tag des offenen Denkmals

Aber noch vor Beginn des ersten Vortrages möchten wir Sie zu einem Tag im Martin-Buber-Haus einladen, an dem das Leben Martin Bubers - vor allem in seinem Haus in Heppenheim - im Mittelpunkt des Interesses steht. Der "Tag des offenen Denkmals" wurde in unserem Bundesland in diesem Jahr unter das Motto "Jüdisches Leben und seine Kultur in Hessen" gestellt. Aus diesem Grund wird sich das Martin-Buber-Haus erstmalig an diesem Tag beteiligen. Am Sonntag, den 01. September 2002, steht Ihnen das Haus ganztägig von 11.00 bis 17.00 Uhr für Besuche zur Verfügung. Jeweils im Anschluss an Stadtführungen "auf den Spuren Martin Bubers in Heppenheim", die um 10.00 und 15.00 Uhr vom Heppenheimer Stadtmuseum ausgehen und durch den Stadtarchivar Herrn Jost begleitet werden, können Sie um 11.15 und 16.15 Uhr sowie zusätzlich um 14.00 Uhr auch an einer Führung im Martin-Buber-Haus teilnehmen. Für Erfrischungen und eine gemütliche Gesprächsatmosphäre ist gesorgt. Die Synagoge in Bensheim Auerbach ist ebenfalls von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.
Bitte beachten Sie, dass der bundesweite "Tag des offenen Denkmals" eine Woche später, am Sonntag, den 08. September, stattfindet. In Hessen wurde der Tag lediglich für die jüdischen Einrichtungen wegen des jüdischen Neujahrsfestes um eine Woche vorverlegt.


WIZO-Bazar

Voraussichtlich wird es auch in diesem Jahr gelingen, am Tag des Nikolaus Marktes in Heppenheim, Samstag, den 7. Dezember, einen WIZO-Basar mit dem Verkauf von israelischen Produkten im Martin-Buber-Haus anzubieten. Die ehrenamtlich arbeitenden Frauen der Women´s International Zionist Organisation (WIZO), Frankfurt, spenden die Erlöse traditionell dem Theodor-Heuss-Haus, dem einzigen Müttergenesungsheim in Israel. Das Haus war ein Geschenk des Deutschen Müttergenesungswerkes zu Ehren des 80. Geburtstages von Professor Theodor Heuss und wird u.a. gefördert durch weltweite ehrenamtliche Tätigkeit. Es füllt eine Lücke in der sozialen und gesellschaftlichen Versorgung der Mütter in Israel. Gleichzeitig bildet es eine Brücke im Zusammenleben von Juden und Arabern in Israel. Über 1300 jüdische und arabische Mütter genießen jährlich in diesem Hause meistens den ersten Urlaub ihres Lebens.


Rückblick

Im Mittelpunkt unserer vergangenen Veranstaltungsreihe

"...der rechte Ring war nicht erweislich..."
Betrachtungen zum toleranten Miteinander der drei abrahamischen Religionen
Judentum, Christentum, Islam

stand die Frage religiöser Toleranz und der absolute Wahrheitsanspruch einer Religion. Gemeinsam mit uns haben Sie die Diskussionen der verschiedenen Disziplinen zu diesem Themenkomplex verfolgt.


Bibel

Der Generalsekretär des Internationalen Rates der Christen und Juden, Pastor Friedhelm Pieper, hat in einer eindrücklichen Bibelarbeit über die Apostelgeschichte 10 dargelegt, dass die ersten Christen lernten, ihr Selbstverständnis nicht aus dem elitären Bewusstsein abzuleiten, Inhaber des einzig wahren Glaubens zu sein, sondern dass es individuell auf Gottesfurcht und rechtes Tun ankomme. So erkennt Petrus in Apg. 10,34f: "Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm, gleich welchem Volk er angehört."


Kirche

Der emeritierte Heidelberger Professor für Religionsgeschichte und Missionswissenschaft, Dr. Theo Sundermeier, hat die Position des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland in Form der Handreichung "Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland: Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen" vorgestellt. Weil der eine und einzige Gott als Schöpfer und Vater aller Menschen auf seine Weise in den verschiedenen Religionen wirke, könnten Christen das Wahre auch in anderen Glaubensweisen anerkennen. Voraussetzung für Toleranz sei immer zuerst die Anerkennung der Würde des Anderen.


Literatur

Die Theologin und Kandidatin der Germanistik, Kim Hust-Korspeter aus Nizza führte anhand des dramatischen Gedichtes von G.E. Lessing "Nathan der Weise" in die Dimensionen eines aufgeklärten Toleranzverständnisses ein. Weil kein Mensch einen objektiv beurteilenden Standpunkt außerhalb seines eigenen Glaubens beanspruchen könne, sei die Überordnung einer Religion über eine andere faktisch ausgeschlossen. Bei einer Ununterscheidbarkeit im Sinne einer Gleichrangig- und Gleichwertigkeit der Religionen trete ihr individueller Wahrheitsgehalt erst in der Glaubwürdigkeit ihrer praktischen Konsequenzen, wie dem Wetteifer in tätiger Liebe, ans Licht.


Religionswissenschaft

Ina Hoffmann präsentierte in ihrem Vortrag anhand von Gustav Menschings Standardwerk "Toleranz und Wahrheit in den Religionen" eine religionswissenschaftliche Analyse der verschiedenen Formen von formaler und inhaltlicher Toleranz und Intoleranz. Mit Beispielen aus der Religionsgeschichte erläuterte sie, wie sich die Volks- und Universalreligionen zur Frage der Toleranz gestellt haben. Dabei wurde deutlich, dass Erziehung zur Toleranz eine der wichtigsten Bildungsaufgaben unserer Zeit ist.


Geschichte

Der Tübinger Professor für Religionswissenschaft und Judaistik, Dr. Stefan Schreiner, diskutierte die historische Frage, in wie weit es gerechtfertigt sei, vom sogenannten "goldenen Zeitalter" der Juden im mittelalterlichen Spanien als einer Zeit des einträchtigen Miteinanders der verschiedenen Völker, Kulturen und Religionen zu sprechen, da in der Forschung gleichzeitig die These einer einzigen Leidens- und Verfolgungsgeschichte vertreten werde. Tatsächlich sind vielfach Juden als Ärzte bei Hofe, als Wirtschaftsexperten, Finanzberater oder sogar Heerführer in angesehene und einflussreiche Positionen gelangt, die jüdische Geschichte geschrieben hätten. Dennoch handelte es sich immer um Einzelschicksale, die nicht stellvertretend für die Situation der allgemeinen jüdischen Bevölkerung stünden.


Veranstaltungshinweis

Wie bereits im letzten Rundbrief möchten wir darauf hinweisen, dass das Stadtarchiv Heppenheim in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Bergstraße-Odenwald und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung die Reihe der Heppenheimer Gespräche 2002 mit dem Titel

Krieg der Kulturen?
Die Herausforderung des Islamismus.

im zweiten Halbjahr fortsetzt.

"Durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 ist das lange Zeit vorwiegend in Expertenzirkeln diskutierte Problem des Islamismus in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. In den Heppenheimer Gesprächen wollen wir versuchen, einige grundlegende Informationen über dieses Themenfeld zu gewinnen. Der Fähigkeit, zwischen der Religion des Islam und der politischen Ideologie des Islamismus, zwischen realer Bedrohung durch extremistische Gruppen und medial vermittelten Feindbildern unterscheiden zu können, kommt für das Bestehen vor dieser neuen Herausforderung eine grundlegende Bedeutung zu."
Termine: 11. September, 13. November jeweils 19.00 Uhr im Kurfürstensaal in Heppenheim.


Sprachkurs Neuhebräisch

Wir möchten Sie außerdem auf Sprachkurse in Neuhebräisch an der Volkshochschule Darmstadt-Dieburg aufmerksam machen.

Neuhebräisch Stufe I, 1. Lernabschnitt
Einfache Hör- und Sprechübungen, Lesen und Verstehen einfacher Texte, Einführung in die hebräische Druck- und Schreibschrift.
Grammatik: Präsensformen und Präteritum.
Darmstadt, TH, Merckstraße. 25, Raum 40
Mittwochs 19.30 - 21.00 Uhr, ab 12.09.2002
Euro 81,50. 15 Abende
E. Tirkel, Hebräisch leicht gemacht, Achisaf-Verlag

Neuhebräisch Stufe III, 3. Lernabschnitt
Sie vertiefen Ihre Fertigkeiten im mündlichen und schriftlichen Bereich weiter, lesen unpunktierte Texte zur jüdischen Tradition aus israelischen Zeitungen und Literatur.
Darmstadt, TH, Merckstraße. 25, Raum 40
Mittwochs 18.00 - 19.30 Uhr, ab 12.09.2002
Euro 81,50. 15 Abende
Kontakt: Israela Würger, Tel. 0170-2308088


Bibliothek

Auch heute möchten wir Ihnen wieder einige Neuzugänge unserer Bibliothek vorstellen. Diese Bücher können für sechs Wochen ausgeliehen werden. Mit Hilfe unseres Bibliotheksprogramms ist eine systematische und gezielte Suche von Büchern möglich. Nach Terminabsprache berate und unterstütze ich Sie gern bei Ihrer Recherche.

1. Hamid Reza Yousefi, Ina Braun (Hrsg.), Gustav Mensching, Leben und Werk. Ein Forschungsbericht zur Toleranzkonzeption, Bd. 1 und 2, Würzburg 2002.
2. Daniel Hoffmann (Hrsg.), Handbuch zur deutsch-jüdischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Paderborn 2002.
3. Yigal Wagner, Martin Bubers Kampf um Israel, Potsdam 1999.
4. Inken Rühle, Reinhold Mayer (Hrsg.), Franz Rosenzweig, Die "Gritli"-Briefe, Briefe an Margrit Rosenstock-Huessy, Tübingen 2002.
5. Peter von der Osten-Sacken (Hrsg.), Das missbrauchte Evangelium, Studien zu Theologie und Praxis der Thüringer Deutschen Christen, Berlin 2002.
6. Irena Ostmeyer, Zwischen Schuld und Sühne, Evangelische Kirche und Juden in SBZ und DDR 1946-1990, Berlin 2002.
7. Martin Berger, Michael Murrmann-Kahl (Hrsg.), Transformationsprozesse des Protestantismus, Zur Selbstreflexion einer christlichen Konfession an der Jahrtausendwende, Gütersloh 1999.
8. Diane Kessler (Edited), Together on the Way, Official Report of the Eighth Assembly of the World Council of Churches, Geneva 1999, Switzerland.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Martin-Buber-Hauses und der Internationale Rat der Christen und Juden wünschen Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes neues Jahr 5763.

Ich grüße Sie herzlich!


Andrea Thiemann
Regionale Bildungsarbeit
Martin-Buber-Haus
eMail Andrea.Thiemann1@epost.de


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